Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne ...
Diese Zeilen aus dem viel zitierten Gedicht "Stufen" von Hermann Hesse
stellen - was wir immer gerne vergessen - einen Abschied vor den
Neubeginn. Dem verlockenden Anfang, dem "ein Zauber innewohnt, der uns
beschützt und der uns hilft, zu leben" geht ein Abschied mit "Tapferkeit und ohne Tränen" voraus. Wir wissen: "Des Lebens Ruf wird
niemals enden....", doch so ganz bereit unser Herz "in andere, neue
Bindungen zu geben" sind wir selten.
Wieso auch? Geht es uns nicht
besser, wenn alles so bleibt wie es ist? Was liegt denn zwischen dem
ersten Zauber z.B. einer Beziehung und dem "Ruf“ weiterzugehen? Was
geschieht zwischen Anfang und Ende, welche Stufen durchschreitet ein
Paar auf seinem Weg? Und was mag wohl der Sinn des ewigen Wandels, des
Pendelns zwischen "Binde und Löse“ sein?
Der Tierkreis, beginnend mit dem Widder stellt einen archetypischen Lebensweg dar. Er spiegelt die Stufen der menschlichen Entwicklung von der Geburt bis zum Tod. Entlang seiner Prinzipien können wir verstehen, welche Stufen wir bis zu den Fischen, zur gänzlichen Auflösung zu durchlaufen haben.
Wir dürfen beliebig lange auf jeder Stufe verweilen, ja wahrscheinlich halten wir uns sogar auf mehreren gleichzeitig auf. Doch das Ziel ist –ob uns das passt oder nicht- der Tod, das Verlöschen unserer körperlichen Existenz. Hier müssen wir akzeptieren, dass es einen Anfang und ein Ende gibt und dass es offensichtlich um den Prozess oder um das, was auch immer dazwischen liegt, geht.
So ist es im Grossen und im Kleinen, für den Einzelnen in seiner Existenz, für Gruppierung, unter welchen Zielen auch immer sie angetreten sind. Und natürlich gilt dies auch für alle Paare, ob sie sich für die "Ewigkeit“ finden wollten oder nicht. Auch jede Partnerschaft durchläuft alle Phasen, muss Stufen erklimmen, alle Kräfte, die zur Verfügung stehen, einsetzen, um dann "Abschied zu nehmen und zu gesunden“. Wovon, wodurch gesunden? Welche Gesundheit bzw. welche vorangegangene Krankheit ist gemeint?
Begleiten wir ein Paar auf seinem Weg durch den Tierkreis und stellen uns die Frage am Schluss noch einmal:
Widder
Die Geburt der Beziehung.
Dem schöpferischen Zufall der ersten Begegnung eines zukünftigen Paares verdanken wir alle unser Leben. Michael Lukas Moeller, den ich auch im weiteren Text einige Male zitieren werde, beschreibt dies in seinem Buch "Wie die Liebe anfängt" wie folgt: "Der Funke, der zwischen zwei Menschen überspringt, ist im vollen Sinne der springende Punkt.
Denn dieses Bild stammt ursprünglich aus dem Betrachten des punktförmig schlagenden Herzens im Eidotter. Dass aber zwei Herzen springen und überspringen, ist kein Zufall, so sehr die erste Begegnung vom Zufall abhängt, sondern ein blitzartiges, erstaunlich komplexes Geschehen, in dem sich innerhalb von Sekunden eine Beziehungsstruktur bildet, die für die Dauer des Zusammenseins die Geschicke eines Paares bestimmt.
Dieser magische Moment erschafft so gut wie alles: unser Selbst, unser Wir, unser Leben, unsere kommende Generation.“ Dieser Moment ist so mächtig, dass er allzu oft unterschätzt wird. Zu diesem Zeitpunkt ist ebenso, wie im Moment unserer Geburt schon "alles“ da. Wäre dies nicht so, gäbe es die Astrologie nicht. Es würde wenig Sinn machen "in die Stunde zu schauen" und ein "Horo-skop" zu erstellen, wenn nicht im Anfang die gesamte "Matrix" schon vorhanden wäre. Ebenso entsteht beim ersten Zusammentreffen zweier Menschen ein gemeinsamer Raum, die beiden Lebensgeschichten verbinden sich zu einer, etwas Neues, sozusagen ein gemeinsames "Drittes" wird geboren.
Der gemeinsame Weg beginnt, unsere zwei Protagonisten, die wir auf ihrem Spaziergang durch den Tierkreis begleiten möchten, müssen "nur" noch "ja" dazu sagen. Sie müssen einander erobern und sich erobern lassen, sie müssen freie Beziehungsvalenzen haben und zur Verfügung stellen. Der männliche Teil des Paares - zumeist der Mann - sichtet das "Objekt seiner Begierde" und sagt: "zu ihr will ich!" Er kann allerdings erst mit seinem Balzverhalten beginnen, wenn sein Gegenüber grünes Licht gibt. Ein japanisches Sprichwort sagt: "Das Huhn ist es, das den Hahn krähen lässt".
Die Flirtforschung konnte belegen, dass das Weibliche das Signal gibt und dass der Pfau erst dann seine Räder schlägt um Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen, wenn er von ihr ein Signal empfangen hat. So braucht es beide um den Funken zu entfachen, auch wenn oberflächlich betrachtet der Mann die Initiative ergreift und die Frau sich eher mit den lockenden, empfangenden Energien der Venus verbindet. Der Same, der im Widder gelegt wird, sucht den fruchtbaren Boden des Stiers, auf dem er angehen, auf dem er wachsen und gedeihen kann.
Stier
Im Stier bildet sich bereits eine Gemeinschaft, und sei es, dem Eros folgend, für eine Nacht.
Der "Eroberer" hat sein "neues Land" besetzt. Angezogen vom Glühwürmchen ähnlichen, lockenden Licht hat er den Weg zum "Objekt seiner Begierde" gefunden. "Sie" hat ihm signalisiert, dass es ihr zumindest für den Moment, recht ist so gesehen zu werden. Es wertet sie auf, es gibt ihr Wichtigkeit. Die beiden lassen der erotischen Anziehung ihren Lauf und spielen das älteste Spiel der Welt. Er dringt in ihr "Revier" ein, heute gehört sie ihm!
Noch steht nicht fest, ob es für die beiden eine Zukunft gibt. Die Bestätigung, die sie einander geben, reicht oft aus. Am Ziel der Begierde zu sein, ist ebenso befriedigend wie begehrt zu werden. Ihre Körper haben miteinander "gesprochen", der Kontakt ist hergestellt, der Evolution ist ein Weg bereitet worden. Ob er aber je beschritten wird hängt von vielen weiteren Faktoren, im besonderen aber vom Willen der beiden ab.
Schon hier gibt es Enttäuschungen und Komplikationen. Was am Abend zuvor recht war, wird schon bald zum Stein des Anstosses. Die unterschiedlichen Werte von Mann und Frau prallen aufeinander und aus der "Goldmarie" wird schnell eine "Pechmarie", von der die Männer doch nur das eine wollen. Auch die übernommenen moralischen Werte können schon hier Purzelbäume schlagen und viel kaputt machen.
Natürlich beginnt nicht jede Beziehung auf diese Art, doch archetypisch ist hier der Beginn. Unsere Körper wissen immer schon lange, bevor etwas in unser Bewusstsein dringt, um was es sich handelt. Mit dem Körper sehen wir oft besser als mit den Augen. Zurück zu unserem Paar: Am nächsten Morgen können sie auseinander gehen (in der heutigen Zeit ist dies gang und gäbe) oder sie entscheiden sich für den nächsten Schritt, den Schritt in das Zwillinge-Prinzip hinein:
Zwillinge
"Wie heisst Du eigentlich? Gib mir Deine Telefonnummer, ich rufe dich an."
Möchte nur einer diesen Schritt machen, wartet der andere ( zumeist die Frau) vergeblich auf diesen Anruf. Sobald sich einer von beiden mehr Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft macht, gibt es - wenn auch oft unbewusst - Verwicklungen. Das bekannte Bild, dass die verschmähte Person tagelang am Telefon "lauert" und sich kaum noch aus der Wohnung traut, ist keine Seltenheit. Hier hilft nur Aufklärung und Ehrlichkeit, sonst bleiben beide im Unausgesprochenen aneinander hängen, ohne es zu wissen. Man sieht dies oft in der Aufstellungsarbeit, dass nicht geklärte Beziehungen, und seien sie noch so kurz gewesen, Energien binden.
Bei unserem Paar allerdings kommt es zu einem nächsten Treffen. Jetzt werden erst einmal Informationen über das Leben und all die wichtigen Dinge, die der Mensch so tut und lässt, ausgetauscht. In dieser Phase schaut das Paar auf die Gemeinsamkeiten, ganz im Gegensatz zu Stufe sieben, wo es vor allem um die Gegensätzlichkeiten geht.
Die Attraktivität erscheint in zwei bekannten Sprichwörtern: "Gleich und Gleich gesellt sich gerne", die sogenannte symmetrische Bindung, und: "Gegensätze ziehen sich an", die komplementäre Bindung. Diese Sprichwörter erscheinen den meisten Menschen wie ein Entweder-Oder. Im Paarleben kann man aber - so M. Moeller - belegt durch den psychoanalytisch orientierten Giessen-Test, gut erkennen, dass die meisten Partner auf einigen Dimensionen ähnlich, auf anderen gegensätzlich sind. Symmetrie und Komplementarität ergänzen sich also, sind ein Und-Und.
Hier auf Stufe drei werden die Ähnlichkeiten "ausgepackt", hier werden die - später als unüberbrückbar scheinenden - Gegensätzlichkeiten ignoriert. Sie müssen dem Wunsch nach Gleichklang und Anregung weichen. Die Worte fliessen um so besser, je mehr der eine seine Gedanken und Ansichten in den Fluss des anderen mit einfliessen lässt. Geht das eine Weile so weiter, entwickeln sich allmählich Gefühle, die über eine körperliche Anziehung hinausgehen.
Krebs
Mit Stufe vier beginnen die aus der Kindheit kommenden Zweifel.
Die Emotionen überschlagen sich: Mag mich der andere wirklich, bin ich überhaupt liebenswert? "Wenn Du mich nicht willst, dann will ich Dich auch nicht!" Trotz, Rückzug, Hoffnung, Sehnsucht, Anziehung, Beleidigt-sein usw. wechseln einander ab. Die gesamte Palette kindlicher Gefühle wird auf der Beziehungsleinwand ausgeschüttet und hinterlässt ein scheinbar chaotisches Bild.
Bei genauem Hinsehen jedoch wird bald jeder feststellen, dass es sowohl eigene frühere Erfahrungen wie Elemente der Elternbeziehung enthält. Die beiden Geschichten vermischen sich und doch sind für jeden alt bekannte Umrisse zu erkennen. Sobald der Mond ins Spiel kommt "ergiesst" sich die Familiengeschichte beider in den "Beziehungstopf" hinein und beginnt zu wirken. Jeder hofft jetzt im Partner eine bessere Mutter, einen besseren Vater zu finden als den seiner Kindheit. Die Sehnsucht in der Partnerschaft, all das erfüllt zu bekommen, was ihm damals nicht vergönnt war, überfordert die beiden Herzen.
Zwei "Kinder", die sich aneinander klammern, ohne dass einer festen Boden unter den Füssen hat, müssen ins Wanken geraten. Konflikthaftigkeit, emotionales Klima zwischen Offenheit und Verklemmung, Initiative oder Passivität wurzeln in frühkindlichen Prägungen. Zu keiner Zeit ist der Drang, Altes zu reinszenieren, grösser als in dieser Phase.
Auch der Wunsch nach Ausschliesslichkeit der Liebe hat hier seinen Höhepunkt. Er gründet in der exklusiven Mutterbeziehung. Wir haben in der Regel nur eine Mutter, nicht zwei. Mit dem Drang, den Partner ganz für sich zu haben, und ihm im Austausch dafür ein ähnliches Versprechen zu geben, wird die Verliebtheit immer grösser. Aus zwei wird eins, aus zwei eigenständigen Wesen, zwei Sonnen, wird eine einzige.
Löwe
In dieser Phase sind die zwei so aufeinander bezogen, so miteinander beschäftigt, dass sie ihre gesamte Umwelt ausblenden. Sie nehmen nur noch einander und ihre Liebe wahr. Obwohl noch lange nicht erwiesen ist, ob es sich wirklich um tragende Gefühle oder "nur" um Verliebtheit handelt, sie sprechen auf jeden Fall sehr oft zu jedem, ob er es hören will oder nicht, von ihrer grossen, noch nie dagewesenen Liebe.
Ihre Herzen und - ohne dass sie es merken - auch ihre Egos springen höher und höher. Die Psychoanalyse sieht die Verliebtheit als eine narzisstische Entflammung. Der andere gleicht unserem Idealselbst, jeder fühlt sich auserwählt, auserwählt aus der ungeheuren Menge von Menschen. "Mich hat er genommen, von allen Möglichkeiten, die es gibt, hat er mich erwählt!" Das erhebt die beiden heraus aus der Masse, macht sie zu König und Königin. Noch nie gab es eine Liebe wie diese! Jeder rollt dem anderen den roten Teppich aus, über den dieser endlich (!) richtig gesehen, endlich erkannt in all seinen liebenswerten und wunderbaren Eigenschaften dahin schreitet.
Tatsächlich ist dies eine Zeit, an die man sich erinnern sollte, wenn der Teppich dann einmal schmutzig eingerollt im Keller gelandet ist.
Hier in dieser Phase sehen wir das Gute, das Aussergewöhnliche am anderen. Wir lieben es sozusagen aus ihm heraus. Stolz stellt man sich neben den Partner und führt ihn Freunden und Bekannten vor (die oft nicht verstehen können, was wir wohl an diesem finden), die Hoch-Zeit der Liebe! Nicht alle Verliebtheiten münden in die Liebe. Sie beleben zwar das Leben, doch erweisen sich die wenigsten als zukunftsfähig. Unser Paar jedoch heiratet und zieht zusammen. Auch ihre Verliebtheit dauert nicht ewig. In der Regel weicht das Hoch der Gefühle in ca.drei Monaten bis neun Monaten dem Grau des Alltags.
Jungfrau
Die Arbeit dieser Phase beginnt zumeist ganz harmlos: "Ich habe dir schon so oft das Frühstück gemacht, jetzt bist Du an der Reihe!" "Dafür habe ich dir dieses oder jenes als Ausgleich geboten. Du aber........!" Wo ist die Anerkennung, wo der rote Teppich geblieben?
Die ehemaligen Diener des Egos des anderen sind des Dienens müde und wenden sich eigenen Interessen zu. So wird der Beziehungsraum seines Glanzes beraubt und bleibt zurück wie ein geplünderter Weihnachtsbaum. Nicht sehr viele Paare bleiben im Angesicht des ewigen "Zahnpasta-Streites" freiwillig zusammen. Die meisten haben sich schon äussere Abhängigkeiten geschaffen, die sie an einem schnellen Abgang hindern.
Schön, wenn ein Paar dieses Jungfrau-Feld durchmisst und dabei lernt. Denn es gibt wahrlich viel zu lernen. Die Beziehung wird ernster, es wird um Gerechtigkeit und Ausgleich gerungen. Der andere soll nicht mehr vom Kuchen der Liebe bekommen als man selbst. Genau betrachtet ist es dieser Anpassungsprozess, der eine Beziehung erst möglich macht.
Man versucht zu vernünftigen Alltagsregelungen zu kommen. Das Miteinander-Auskommen entscheidet über die Qualität der Liebe. Sie beruht auf der Fähigkeit zum Abkommen. Schnell stellt sich heraus, dass nicht jeder dafür die gleichen Voraussetzungen hat, nicht in diesem Punkt und nicht in anderen. Allmählich kristallisieren sich auch bei den ehemals "Gleich-und-Gleich-Paaren" die schärferen Kanten der Gegensätzlichkeit heraus. Wenn endlich die "Zahnpasta-tube" am Platz ist, kann die wirkliche Arbeit, die Beziehung beginnen.
Waage
Unser Paar hat also die Ernüchterungsphase überwunden und ist vorgerückt auf Feld sieben und stösst dabei auf eine ganz einfache, banale Tatsache, die jedoch eine grosse Tragweite hat: "Du bist nicht ich, du bist anders als ich." Da hilft auch keine Anpassung. ( Es gibt allerdings Menschen, die dies nicht wahrhaben wollen und solange wie möglich unter einer enormen Anpassungsanstrengung auf Feld sechs bleiben wollen.)
Mit dieser einfachen und doch bis ins Mark erschütternden Erkenntnis beginnt nun endlich das, was wir Partnerschaft nennen. Ich bin einem part (engl. part = Teil) von mir begegnet, den ich nicht (mehr?) in mir trage, den ich quasi nach aussen abgegeben habe, und der mir nun - Mensch geworden - entgegen kommt. Dem Mann kommt die Frau entgegen, dem Ruhigen der Laute, dem Geizigen der Verschwender, dem Sesshaften der Nestflüchter usw.
Jeder mag jetzt sagen, ich bin gottlob nicht wie du und doch ist er Tag und Nacht mit dem anderen zusammen, wie zwei Seiten einer Medaille. Wen interessiert es, das sich jeder (noch!) für die bessere Hälfte des Ganzen hält. Ausgerechnet in der Waage, dem Prinzip, dass seit alters her für Beziehung steht, wird uns bewusst, dass wir erst am Anfang stehen. Hier stellen wir fest, wie weit entfernt der andere von uns, von unseren Werten, Wünschen und Bildern ist. Das Licht der Liebe erschafft den grössten Schatten: stärkste Polaritäten.
Skorpion
Bewusst oder unbewusst hineingezogen, im achten Feld beginnt oft das, was wir Beziehungshölle nennen.
Menschen, die sich das niemals vorstellen konnten, bleiben wie angewurzelt in unguten, unbefriedigenden Situationen stehen. Wie angebunden an den Partner (der hier zum Feind wird) verharren sie in dunkle Machtgedanken und Machenschaften verstrickt. Aussenstehende raten zur Trennung, doch das unsichtbare Band lässt dies nicht zu, der Tanz muss erst zu Ende geführt werden.
So wie wir ehemals das Beste aus unserem Partner "herausgeliebt" haben, hassen wir jetzt das Schlimmste aus ihm heraus. So wie der Liebende den Partner mit seiner Liebe erschaffen hat, so verzehrt er ihn auch, verbrennt ihn mit seiner Leidenschaft, er vernichtet ihn. Unsere eigenen und die Schatten unserer Ahnen tanzen im ewig gleichen Rhythmus nach der ältesten Melodie der Menschheit, die schon Adam und Eva aus dem Paradies gelockt hat. Niemals ist der Mensch der Vereinigung mit seiner dunklen Seite näher und gleichermassen weiter entfernt als hier in der Unterwelt seiner Beziehung.
Nicht viele Paare "überleben" diesen langen, mühevollen Gang. Die meisten schleppen müde ihr Ego zum Ausgang und bleiben weiterhin im festen Glauben, der andere hätte ihnen das angetan. Sie bleiben Feinde. Schade, denn es dauert lange, bis wir mit einem neuen Partner diese Erfahrung wiederholen können.
Schütze
Erst im neunten Feld, dem Schütze-Feld, eröffnet sich uns der Sinn für das Vergangene.
Das Symbolon darf sich schliessen. Der "ausgelagerte" dunkle Teil ist zum Licht geführt worden. Der "Frosch" ist geküsst, das Paar hat sich in Ebenbürtigkeit und Gleichheit gefunden. Das Paar kann jetzt der Beziehung einen Tempel bauen, der auf vielen Säulen sicher steht: Friede, Anerkennung, Wachstum, Entwicklung, Einsichtsfähigkeit, um nur einige zu nennen.
Und es tut sich ein neues Gefühl auf in der Liebe, das als Grundempfinden der Religionen gilt: ein überwältigendes Staunen über das, was da geschieht. Die Rückführung des Schattens, die Umarmung zweier verlorener Seelen, lässt sie nicht nur einander, sondern sich selbst wiederfinden. Die Liebe umfasst immer zwei Beziehungen zugleich: die Beziehung zum anderen und die Beziehung zu mir selbst. Nach zehn Jahren schreibt Simone de Beauvoir an Sartre: Sie sind mein Leben, mein Glück und ich selbst.
Steinbock
Jetzt können sich zwei Menschen auf etwas Drittes, auf eine gemeinsame Aufgabe konzentrieren. Hier im zehnten Feld werden sie "in den Dienst" genommen. Die Liebe erschafft die grössten Werke. Liebe zeugt nicht nur Kinder sondern ist auch Fundament für Schöpferisches in jeder Richtung. Rilke schrieb nach langem Schweigen wieder grosse Gedichtzyklen, als er mit Lou Andreas-Salome zusammenkam. Vielleicht gibt es kein grosses Werk ohne den Hintergrund der Liebe.
Natürlich hat nicht jedes Paar eine öffentliche Aufgabe, es reicht aus, dass sie etwas gefunden haben, was grösser ist als sie selbst. Dieses "grösser" misst sich nicht an äusserem Erfolg und Bekanntheit. Stehen zwei am "richtigen" Ort, tragen sie alleine dadurch dazu bei, die Welt zu wandeln, dass sie bereit waren die Wirklichkeit in einer Art Ko-Autorenschaft neu entstehen zu lassen. Novalis spricht hier von "Wechselreizung". Moeller sagt dazu: "Nichts beschränkt sich auf zwei alleine. Diese zwischen zweien erzeugte Realität wirkt in den gesellschaftlichen Raum hinein" (und über das Gesellschaftliche hinaus) "immer und von jeder Zweierbeziehung aus, die sich etwas bedeutet."
Sobald unsere beiden Protagonisten diese Aufgabe erfüllt haben, könnten sie doch auseinander gehen - oder ?
Wassermann
Ja, richtig, das könnten sie. Sie können aber auch zusammen bleiben. Die Freiheit des elften Feldes umfasst beide Seiten, wie das so ist mit der Aufhebung der Pole. Kein Entweder-Oder sondern beide Möglichkeiten stehen offen - gleichwertig nebeneinander.
Der Entwicklungszustand hier hat nichts mit dem Weglaufen früherer Phasen zu tun. Jedes Paar hat jede Zeit und immer die Möglichkeit, den Prozess abzubrechen (um später mit einem neuen Partner genau dort wieder weiter zu machen), doch diese scheinbare Freiheit ist bei genauem Hinsehen keine, es ist nichts mehr als ein neues Blatt mit gleicher Aufgabenstellung. Im besten Fall geht man mit mehr Mut und neuer Kraft an die Lösung. Hier in der Wassermannphase kurz vor Feld zwölf gibt es eine echte Möglichkeit auszusteigen, um neu - wirklich neu - zu beginnen.
Liegen vielleicht hier die Abschiede, die wir mutigen Herzens vollziehen sollen? Immerhin befinden wir uns hier an einer Stelle des Tierkreises, die im Quadrat zu Stier (Festhalten/Sicherheit) und Skorpion (Bindung) steht? Hier sind wir frei, zu bleiben und frei dem "Ruf" zu folgen, der uns in neue Entwicklungskreise lockt?
Niemand vermag sein gesamtes Potential mit nur einem Menschen zu entwickeln, keiner vermag, all das, aus uns heraus zu lieben, was in uns steckt. Auch unser Schatten hat viele Gesichter und braucht viele Spiegel, um sich zu erkennen. Das Schöne daran ist, dass uns keine Abhängigkeit mehr hält. Hier, nur hier, können wir selbst entscheiden , ob wir unser Herz ganz in dieser Partnerschaft belassen, oder ob wir es einem neuen Weg öffnen. Die Liebe bleibt, sie ist die gleiche, wo immer ich dann bin.
Fische
Damit ist Stufe zwölf erreicht. Jetzt kann der Mensch mit Hermann Hesse sprechen: "Ich hätte mit jeder Frau und mit keiner leben können." Er spricht über die Vergangenheit, Beziehung ist jetzt Vergangenheit, Liebe ist Gegenwart.
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